Tessa freut sich auf das traditionelle Treffen mit ihren drei Schul- und College-Freundinnen. Es fand alle zwei Jahre statt, wenn Fiona, die einen Schafzüchter in Tasmanien geheiratet hat, von ihrer Familie Heimaturlaub bekam und zwei Wochen in England verbrachte. 



Kapitel 3

Tee bei Lady Grey

Gemma verzog den Mund, als sie auf ihre schmale Armbanduhr sah. Die lässt den Arm noch rundlicher aussehen, dachte sie zum wiederholten Mal. Ein teurer Fehlkauf. Positiv gesehen, war die Uhr mehrmals am Tag eine Erinnerung daran, dass sie ein paar Pfund abnehmen wollte. Oder jedenfalls nicht mehr zunehmen. Eine gepflegte Molligkeit kam durchaus bei den Kundinnen ihrer Kosmetiksalons an, doch es musste im Rahmen bleiben. Sie nippte am Tee, der ihr ohne Zucker nicht wirklich schmeckte. Und Süßstoff war nicht das Gleiche, führte außerdem aus irgendwelchen Gründen langfristig ebenfalls zur Gewichtszunahme, wie man herausgefunden hatte. Na, vielleicht einen halben Löffel Zucker, zur Feier des Tages quasi, anlässlich der Heimkehr Fionas. Die war nach der überschwänglichen Begrüßung verschwunden, um sich „die Nase pudern zu gehen“, und noch nicht wieder aufgetaucht. So allmählich könnten auch Zoe und Tessa eintreffen. Seit mehr als zwanzig Minuten saß sie schon hier und wartete. Die Fahrt von Manchester war schneller gegangen als erwartet.

Das dezent dahinplätschernden Geplauder und das Aneinanderklingen von Geschirr und Besteck stockten. Die beinahe atemlose Pause ließ Gemma aufblicken. Zoe stand am Eingang des Cafés und sah sich suchend um. Ein Auftritt, ganz ohne ihr Zutun. Wie immer. Ein Blick auf die weiblich kurvige und trotzdem schlanke und elegante Erscheinung der Freundin und Gemma legte den silbernen Löffel zurück in die Zuckerschale. Sie hob den Arm und winkte. Zoes Gesicht strahlte auf. 

Von bewundernden Blicken begleitet schritt sie durch den Raum, der Nische entgegen, in der Gemma saß. Ich darf nicht vergessen, Zoe zu fragen, welches Rouge sie aufgetragen hat, nahm sie sich vor. Wie der Abglanz eines Feuerscheins lag es auf der dunklen Haut und betonte die Wangenknochen. Vielleicht wäre die Marke etwas für manche ihrer Kundinnen. 
„Gemma, Chérie.“ Zoe küsste die Luft neben Gemmas Wangen, stellte die Handtasche auf den Boden und zog die kurze schwarze Leinenjacke aus, die mit dem bordeauxroten Etuikleid ein Ensemble bildete.
„Zoe, ist das etwa Dior?“
„Nein, ein junger belgischer Designer, der gerade im Kommen ist. Wenn du das nächste Mal nach Paris kommst, stelle ich ihn dir vor. – Und ich bin einmal nicht die Letzte, wie schön. Der Flug war auch überpünktlich. Rückenwind, behauptete der Pilot.“
„Wir warten nur noch auf Tessa. Fiona ist im Waschraum. Sie konnte es nicht erwarten, den zu besichtigen. Sie hoffte auf Blümchentapete und Lavendelseife. Ah, da kommt auch Tessa. Wie immer viel zu dünn. Ich finde ja, in unserem Alter ist das nicht mehr –“
„Sie ist grazil gebaut. Wenn sie ihre Kleidung nicht immer eine Nummer zu groß kaufen würde, wäre …“
„Und alles in Nude! Bei ihrer blassen Haut. Unscheinbarer geht’s wirklich nicht. – Tessa, ich sage gerade zu Zoe, du brauchst mehr Farbe.“


„Hallo, ihr beiden.“ Tessa legte ihre Popelinjacke über die Stuhllehne, verteilte Wangenküsse und setzte sich. „Ich habe es nicht mehr nach Hause geschafft, sonst hätte ich mich mit Lippenstift und Schal für euch aufgehübscht. Fiona ist noch nicht da?“
Von hinten legten sich nach Lavendel duftende Hände über ihre Augen. „Doch, ich bin auch schon da, Darling. Du bist diesmal die Letzte.“ Tessa stand auf und umarmte die braun gebrannte Freundin. 
Fiona rief: „Und Zoe – elegant wie immer! So schön, dich zu sehen. Jedes Mal, wenn Naomi Campbell im Fernsehen oder in einer Klatschzeitung auftaucht, sage ich: ‚Meine Freundin Zoe könnte ihre jüngere Schwester sein.‘“
Zoe lachte. „Bitte beachte meinen neuen Haarstil.“
„Sieht fantastisch aus.“
„Doch, muss man sagen: Das kurze krause Haar steht dir gut“, meinte Gemma, „du hast die perfekte Kopfform dafür. War mir gleich aufgefallen, dass du die Haare nicht mehr relaxt.“
„Ja, damit habe schon vor einer ganzen Weile aufgehört. Eine Befreiung. In mehr als einer Hinsicht.“ Sie grinste. „Ich bin jetzt ein ‚Nappy Girl‘. Kommt davon, wenn man eine politisch gesinnte Stieftochter hat.“
„Nappy Girl?“, fragte Fiona. 
„So nennt man in Frankreich Frauen afrikanischer Abstammung, die ihr Afro-Haar nicht mehr chemisch relaxen“, erklärte Gemma. „Ich habe mehrere Kundinnen in den Salons, die ihre Haare wieder natural tragen.“ 
Zoe nickte. „‚Nappy’ ist angeblich zusammengesetzt aus ‚natural‘ und ‚happy‘. Laura sieht es als eine Frage des Selbstbewusstseins, von Stolz auf die eigene Herkunft. Sie ließ nicht locker, bis ich es ihr nachtat. Inzwischen bin ich froh darüber.“
„Wie geht’s Laura?“, fragte Fiona.
„Modelt sie noch?“, wollte Gemma wissen.
„Nein, das hat sie nur während ihres Studiums getan.“
„Wie du damals.“
Zoe nickte. „Mit dem Unterschied, dass ich meinen Lebensunterhalt und die Studiengebühren davon bestritten habe. Laura machte es aus Spaß und um ihr Taschengeld aufzubessern. Aber jetzt ist sie in Tansania. Sie wollte nach ihrer Sozialarbeit in den Vorstädten eine Auszeit nehmen. Um ihre afrikanischen Wurzeln zu entdecken. Jean-Pierres Eltern sind ja aus Tansania.“
„Wird Laura bald aus Afrika zurückkommen?“, fragte Tessa.
Zoe zuckte mit den Schultern. „Seit ein paar Monaten arbeitet sie für ein Hilfsprojekt in Singida. Sehr engagiert, wie sie so ist. Daher wird sie wohl noch eine Weile dort bleiben.“
„Och“, rief Fiona, „so weit weg! Ich fürchte mich heute schon vor dem Gedanken, meine Kinder könnten zum Studium rüber nach Melbourne wollen. Dabei sind sie ja noch recht klein.“ 

Sie nahm die Menükarte für Afternoon Tea in die Hand. „Liest sich alles köstlich. Ein Tea-Room wie aus meinen Träumen. Hast du wieder schön ausgesucht, Tessa. Im Waschraum hängt sogar eine Rosentapete von Cath Kidston, und es gibt Lavendelseife von Yardley. Die habe ich zu Hause zwar auch, aber hier riecht sie irgendwie anders.“ Sie schnupperte an ihrem Handrücken. 
„Ladys, sind Sie bereit zu bestellen?“ Die junge Bedienung in schwarzem Kleid, weißer Schürze und passendem Häubchen wäre auch in Downton Abbey nicht fehl am Platze gewesen. Abgesehen, dachte Tessa, von dem Totenkopf-Tattoo, das kurz zu sehen war, als der Kleiderärmel etwas hochrutschte.
„Ja, bitte, wir sind so weit.“ Fiona strahlte. „Bringen Sie uns das volle Programm. Was meint Ihr, Mädels?“ Sie wartete die Antworten nicht ab und bestellte Scones mit Clotted Cream und diversen Konfitüren, Crumpets, Lardy Cake und verschiedene Sandwiches. „Dazu Tee für drei und eine Kanne Earl Grey, danke. – Du siehst, Zoe, ich habe deine Abneigung gegen die ‚braune Brühe’ nicht vergessen. Ich weiß noch, wie du Miss Morrow damit schockiert hast, als du neu in der Schule warst und dich geweigert hast, schwarzen Tee zu trinken.“

Vergnügt verfiel Fiona in Erinnerungen an die gemeinsame Schulzeit in Bath und an die College-Jahre in Oxford. Es war bei jedem Treffen ähnlich. Sie tauchte in die Vergangenheit wie in ein Bad, erzählte von Schulerlebnissen, an die sich die anderen kaum erinnerten. Von Minute zu Minute wurde ihr in vielen Ehejahren erworbener tasmanischer Akzent schwächer, und sie wurden alle vier wieder etwas vertrauter miteinander. Vorübergehend, wusste Tessa. Denn außerhalb dieser Treffen gab es sie als Gruppe nicht.
Einzig Gemma und Zoe trafen einander ein, zwei Mal im Jahr, wenn Gemma zu einer Kosmetik-Messe nach Paris flog und Zoe, die viel beschäftigte Finanzberaterin, sich Zeit für ein Treffen nehmen konnte.

Tessa widmete sich ihrem Scone – die Himbeermarmelade schmeckte wie frisch vom Strauch gepflückt – und lauschte der Plauderei der drei, nickte mal zustimmend, lächelte. Sie überlegte, ob Gemmas rechtes Lid schon vor drei Jahren etwas asymmetrisch nach oben gestanden hatte, entschied, dass nicht, und zog den Schluss, dass dafür wohl ein Lid-Lifting verantwortlich war – gerade als Gemma sagte: „… unters Messer würde ich mich aber nie legen, nicht für eine kosmetische Operation.“
Tessas und Zoes Blicke trafen sich kurz. Zoes Mundwinkel zuckte minimal.
Tessa gab einen Klecks der dicken Sahne auf die andere Hälfte des Scones, hörte mit einem Ohr weiter zu. Das Café war bis auf den letzten Platz besetzt. Sie ließ den Blick schweifen, versuchte die Beziehung zu erraten, die Tischnachbarinnen zueinander hatten. Mutter und Tochter. Freundinnen. Bloße Bekannte. Oma und Enkelin. Ein junges Liebespaar, das Italienisch miteinander sprach.

Gemma versuchte auf ihre hartnäckige Art, Fiona zu überreden, ihrer sonnengebräunten Haut Cremes von Gemmas Hausmarke für Gesicht, Hals und Hände zu gönnen. „Andernfalls, in ein paar Jahren, selbst als Brünette …“
„Ich weiß, Gemma. Ich trage im Sommer zwar einen Hut, wenn ich zu den Schafen gehe, und schmiere mein Gesicht vorher ein, aber die Sonne erwischt mich trotzdem.“ Fiona lachte unbekümmert. „Mein Mann liebt meine Lachfalten.“ Ihre Serviette rutschte zu Boden. Fiona hob sie auf und entdeckte die Seifenschachtel, die aus Tessas Handtasche ragte. „Ich wasche mich in Tasmanien mit englischer Seife, und du kaufst in England französische? Ist ja witzig.“
„Die Schachtel ist leer.“
„Oh!“ Fiona legte ihre Hände gegeneinander. „Eine deiner berühmten Schachteln, ja? Woher nimmt sie nur die Ideen?, denke ich immer.“
„Berühmte Schachteln?“, wiederholte Gemma und sah Tessa fragend an.
„Fiona übertreibt.“
„Tue ich nicht. Es sind doch bezaubernde Päckchen, die sie schickt. Oh – euch nicht?“
„Mir nicht.“ Gemma lächelte säuerlich.
„Care-Pakete in die Antipoden?“, fragte Zoe amüsiert.
Fiona lachte schallend. „So weit kommt’s noch. Nein, mit Geburtstagspäckchen fing es an. Tessa ist doch Patin von Lutana. Von Anfang an hat sie zum Geburtstag und zu Weihnachten ein kleines Päckchen aus England bekommen. Und dann –“
„Ich wollte nur nicht, dass die Jungs sich benachteiligt fühlten“, fiel Tessa ein. Sie hoffte, Fiona würde nicht erwähnen, dass auch sie seit ein paar Jahren Geschenkpäckchen erhielt. Gemma hatte schon immer eine eifersüchtige Ader gehabt.
Fiona sagte: „Tessa hat ein wirkliches Talent dafür. Überraschende Kleinigkeiten, ganz normale Dinge oft, aber so liebevoll verpackt. Zum Beispiel in solch einer französischen Seifenschachtel. Es macht einfach Freude, die Päckchen auszupacken und den Inhalt zu entdecken. Auch Miss Morrow meinte –“
„Du hast noch Kontakt zu Miss Morrow, Fiona?“ Gemma ließ ihr zum Mund gehobenes Kresse-Sandwich sinken. 
„Ja, du nicht? Wir tauschen Weihnachtskarten aus. Sie freut sich, von ehemaligen Schülerinnen zu hören.“
„Und der schickst du etwa auch Päckchen, Tessa?“
„Sie und ihre Schwester haben mich damals so lieb aufgenommen, als … Ihr wisst schon. Doch ich habe sie immer gemocht, auch schon in der Schule.“
„Ja, sie war ganz okay“, sagte Gemma. „Wie alt ist sie jetzt?“
„Ende achtzig“, antwortete Tessa. 
Zoe lächelte. „Auch ich habe Miss Morrow viel zu verdanken. ‚Du bist klug und du bist schön‘, hat sie mir oft gesagt, ‚vergiss das nie.‘ Ich fand mich damals ja so hässlich. Meine Zahnspange, wisst ihr noch? Und ich hätte alles gegeben, um Tessas Alabasterhaut zu haben.“
„Während ich meine mausfarbenen Schnittlauchlocken gerne gegen deine schwarze Haarpracht eingetauscht hätte.“ Tessa strich über ihre knapp schulterlangen Haare. „Inzwischen habe ich mich mit ihnen angefreundet. Alle paar Monate die Spitzen geschnitten und fertig.“
„Und ich“, sagte Gemma leise, „wünschte mir an Besuchstagen immer, meine Mutter würde mich so herzlich umarmen und abküssen wie deine dich, Zoe.“
„Ach, wirklich? Hast du nie gesagt. Mir war meine stürmische Mutter dann immer etwas peinlich, so unter all den zurückhaltenden Eltern mit den korrekten Manieren. Mh, diese Crumpets schmecken himmlisch. Die gibt’s in Paris so nicht. Übrigens, Tessa, meine Mutter hat bald Geburtstag. Was empfiehlst du? Ich schicke ihr immer ein Parfüm oder einen Schal, aber irgendwie trifft es das nicht.“
„Ich weiß nicht. Dazu kenne ich sie zu wenig, Zoe. Wohnt sie immer noch in Bath? Oh – war sie damals nicht verrückt nach Lucille Ball? Nach … wie hieß die alte Serie noch …?“
„I love Lucy“, rief Zoe. „Genau. Sie liebte diese Comedy-Show.“
„Hat deine Mutter die DVDs? Dazu vielleicht … hm, wie wär’s mit einer Retro-Cocktailschürze. Oder mit einer dieser verrückten Badekappen im Fünfzigerjahre-Stil? Oder –“
„Absolut brillant“, unterbrach Zoe. „Die DVDs. Das mache ich. Und noch eine Kleinigkeit dazu. Warum bin ich da nicht selbst drauf gekommen? Wisst ihr, dass ich beinahe Ethel geheißen hätte, nach Lucys Freundin in der Serie? Nicht auszudenken.“ Zoe schüttelte sich. „Super Idee. Du bist ein Engel, Tessa.“

„Wir nennen sie die Päckchen-Fee.“ Fiona guckte spitzbübisch.
„Mich? Tatsächlich?“ Tessa rührte in ihrem Tee. „Es macht mir einfach Freude. Ich bummle ja so gerne an Schaufenstern vorbei und stöbere in Läden, auf Märkten. Für mich selbst kaufe ich selten etwas. Ich habe meist alles, was ich brauche, und will meine Wohnung nicht mit Zeugs zustellen. Aber wenn ich etwas sehe, das mich quasi anspringt und ‚Miss Morrow‘ ruft oder ‚Lutana‘, kaufe ich es. Es ist wie eine Sammelleidenschaft ohne Sammlung, könnte man vielleicht sagen. Oder mit einer vorübergehenden.“
„Ein Steckenpferd“, meinte Zoe. 
„Vielleicht. Jedenfalls ein äußerst angenehmer Zeitvertreib. Es gibt dem Umherschauen einen Fokus. So gesehen, tun mir meine Päckchenempfänger einen Gefallen. Und es sind ja überwiegend Kleinigkeiten. Nichts Teures.“
„Leere Seifenschachteln?“ Gemma sah skeptisch aus.
Fiona kicherte.
„Nein“, sagte Tessa, „keine leeren Schachteln.“ Gemma hatte schon immer alles sehr wörtlich genommen. Ein bedauerlicher Mangel an Fantasie. „Ich verpacke dies und das gerne in hübsche Schachteln, Tüten oder Dosen. Viel einfacher als es in Geschenkpapier einzuwickeln. Ein passendes Band drum und fertig.“

„Und“, fiel Fiona eifrig ein, „es macht das Päckchenauspacken noch spannender. Davon abgesehen, kann man die Schachtel oder was es ist weiterverwenden, wenn man was verschenkt. Oder sie behalten. Lutana hebt ihre Haarspangen in der runden Puderschachtel auf, in der die lustigen Socken waren. Und in der schäbigen Dose mit der Queen drauf – erinnerst du dich, Tessa? Du hattest Plätzchen von Highgrove reingetan; Lutana ist der Überzeugung, Prinz Charles persönlich habe die gebacken, ist das nicht süß? – also, in der Dose bewahre ich jetzt tatsächlich Teebeutel auf. Englischen Frühstückstee natürlich.“
Gemma hob ihre perfekt gezupften Brauen. „Du verschickst schäbige Dosen, Tessa?“
„Ja, stell dir vor. Schockierend, nicht?“
Gemma nahm einen Schluck Tee. Tessa unterdrückte ein Lächeln. Gemma wusste nie, wie sie auf Tessas sanft ironischen Ton reagieren sollte.
„Ich muss mich ja wohl nicht dafür entschuldigen, dass ich auf Hygiene Wert lege und Schäbiges nicht mag.“
„Natürlich nicht.“ Tessa tätschelte Gemmas Arm. „Würde auch nicht zu dir passen. Du bist das Bild gepflegter Perfektion.“
„Nun ja. Ich tue, was ich kann.“ Gemma fuhr sich über den millimetergenau geschnittenen akazienhoniggold getönten Bob. „Ich achte eben sehr auf mein Äußeres. Außerdem verkörpere ich ja auch meine Salons. Daher kann ich mir Nachlässigkeiten nicht erlauben. Übrigens, Tessa, in der Niederlassung in Bath haben wir jetzt auch eine Farbberaterin. Sie wirkt wahre Wunder. Wenn du willst, mache ich dir einen Termin.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Natürlich zu einem Sonderpreis. Oder arbeitest du wieder Vollzeit?“
„Oh nein. Weiterhin maximal dreißig Stunden die Woche. Das passt mir hervorragend. Ich habe mich so daran gewöhnt. Es ist ideal.“
„Ach?“ Fiona guckte Tessa besorgt an. „Das wusste ich nicht. Ich dachte, das hättest du dir nur für das eine Jahr gönnen wollen? Weil das reduzierte Gehalt auf Dauer nicht ausreichen würde?“ 
„Tat es auch nicht. Deshalb habe ich mir vor Ablauf des Jahres eine andere Wohnung gesucht. Nun komme ich mit dem Geld hin. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Fiona. Meine Vermieterin verreist oft, dann kümmere ich mich um ihre Post und die Blumen. Dafür hat sie die ursprüngliche Miete noch einmal gemindert. Muße ist nicht mit Geld zu bezahlen. Und ich liebe Muße nun mal über alles.“
„Muße …“, wiederholte Gemma, als hätte sie das Wort noch nie gehört.
„Unstrukturierte Zeit ist wichtig.“ Zoe nickte. 
„Mir wäre das zu langweilig“, stellte Gemma fest.
Fiona seufzte. „Auf einer Farm … und mit Familie …“
„Ein Luxus, ich weiß“, sagte Tessa. „Aber ich schwelge darin. Und es schadet keinem. Fast niemand kann es verstehen, also bemüht euch nicht“, fügte sie mit einem Lächeln hinzu.
„Du sprichst von deiner Muße beinahe so zärtlich wie von einem Liebhaber“, meinte Gemma spitz. „Triffst du dich eigentlich noch mit deinem Bibliothekar?“
„Mit Arthur? Ja, sicher. Wenn ich in London bin. Im Moment eher selten. Für Recherchen, die ich zurzeit übernommen habe, muss ich ab und zu in die Bodleiana nach Oxford, aber bisher nicht ins British Museum.“
Fiona holte tief Luft. „Ach, Oxford – jene liebliche Stadt mit ihren träumenden Türmen. Das Gedicht von Matthew Arnold, wisst ihr noch? Hatten wir nicht herrliche Jahre im College? So eine Zeit kommt nie wieder.“ 
Sie tauschten wieder Erinnerungen aus, an ehemalige Kommilitoninnen, Professorinnen, damals gehegte Berufsträume.
Gemma schüttelte den Kopf.  „Zu denken, das ich Archäologin werden wollte … Eigentlich hat von uns vieren nur Zoe das gemacht, was sie angepeilt hatte. Erst neulich –“ 
„Tessa aber auch!“, rief Fiona.
„Das ist ja wohl nicht zu vergleichen.“ Gemma verwies Tessas Tätigkeit mit einer Handbewegung in eine mindere Kategorie. „Sorry, Tessa, aber ist doch so.“
„Schon gut. Ich gebe mich keinerlei Illusionen hin. Ich leiste akademische Hilfsarbeit.“
„Immerhin akademisch“, sagte Fiona. „Ich mit unseren Merinoschafen und du, Gemma, mit deinen Schönheitssalons … Ich wollte meinen Master in Französisch machen! Mit einer Arbeit über die Stadt der Frauen. Sehr ambitioniert, wisst ihr noch? Wie habe ich mich in die Recherchen gestürzt! Manchmal denke ich daran. Und beneide dich dann ein bisschen, Tessa. Nicht, dass ich ein anderes Leben möchte. Um nichts in der Welt. Doch wenn ich meinen Liebling nicht getroffen hätte, wer weiß – vielleicht wäre ich heute Professorin in Oxford.“ Sie lachte schallend. 

(Ende der Leseprobe für die Leserunde bei LovelyBooks)

Darcy – Der Glückskater & die Päckchenfee

„Berührend, realistisch und romantisch.“ 
           –Eva Maria Nielsen





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